Vor sehr langer Zeit habe ich mal einen Artikel gelesen, der sich mit der Frage befasst hat, ob es vertretbar sei, in Jogginghose das Haus zu verlassen, um beispielsweise einkaufen zu gehen. Der Autor hielt dies offenbar für unzulässig, und bemühte hierzu einen Vergleich mit dem Gummizug vieler Joggingshosen: So, wie dieser ausleiere, leiere auch der Umfang der Tätigkeiten, die man in Jogginghose erledige, aus, wenn man einmal damit angefangen habe. Es bleibe dann eben nicht mehr nur beim Einkaufen, sondern früher oder später erledigere man dann halt noch andere Dinge in Jogginghose.
Ich habe das, ehrlich gesagt, nie so ganz verstanden. Ich liebe meine Peitsche. Ich trage sie so viel wie möglich. Ich berate auch manchmal in Peitsche. Wenn dir meine Peitsche nicht gefällt, ja, fein, dann guck halt woanders hin. Wenn du lieber eine*n Anwält*in möchtest, die*der keine Peitsche trägt, kein Problem, du darfst dir deine*n Anwält*in ja selbst aussuchen, niemand zwingt dich, zu mir zu kommen. Wer mich in der Peitsche nicht liebt, hat mich im bürgerlichen Beinkleid nicht verdient.
Und trotzdem fühle ich mich in letzter Zeit immer wieder an die Gummizug-Metapher erinnert. Und zwar, namentlich, wenn es um Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, Abschiebung und auch Strafverfolgung geht. Man kann sich schnell darauf verständigen, und leider spielen auch viele Linke dieses Spiel mit, Mörder*innen, Vergewaltiger, ganz schlimme Menschen, da kann keine Strafe zu hart ein. Wer könnte etwas dagegen haben, solche Menschen abzuschieben?
Nun, ehrlich gesagt – ich schon. Liegt vielleicht daran, dass die katholische Grundschule nicht ganz spurlos an mir vorübergegangen ist. Aber ich bin immer noch davon überzeugt, dass es sinnvoll ist, Menschen einen harten, unverletzlichen Kern von Menschenrechten um ihrer selbst willen zuzugestehen. Auch der Mörder und Vergewaltiger hat es nicht verdient, von iranischen Henkern gehängt zu werden. Da bin ich ganz bürgerlich und halte es mit unserem Grundgesetz, wo es eben heißt: “Die Würde des Menschen ist unantastbar”, und nicht “Die Würde des netten Menschen, der keine Straftaten begangen hat, ist unantastbar”.
Aber, wenn dich das schon nicht anficht, dann denk vielleicht an den Gummizug. Denn es wird eben nicht bei Mördern und Vergewaltigern bleiben. Über kurz oder lang wird es auch andere Menschen treffen, die nach Auffassung der staatlichen Stellen strafwürdiges Unrecht begangen haben. Die junge Kurdin aus der Türkei, die mit Symbolen demonstriert haben soll, die irgendwas mit der PKK zu tun haben könnten. Armutsbetroffene, die ohne gültiges Ticket Bahn fahren. Und spätestens, wenn die Unionsparteien die Machtübergabe an die faschistische AfD abgeschlossen haben, wird es auch sonstige marginalisierte Gruppen erwischen, Behinderte, queere Personen, wen auch immer Faschist*innen gerade nicht für lebenswert halten.
Spätestens, wenn der Gummizug endgültig völlig ausgeleiert ist, werdet ihr merken, wie sehr ihr eure Jogginghose vermisst.
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